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Porträt im Bärner Bär

Porträt im Bärner Bär

Der ehemalige Berner FDP-Gemeinderat und Finanzdirektor Alexandre Schmidt kandidiert für den Nationalrat. Wir treffen ihn zum Gespräch im frisch sanierten Casino Bern.

Herr Schmidt, warum kandidieren Sie für den Nationalrat?
- Es ist die Lust, die Freude am Gestalten, an politischen Prozessen, am Ideenwettbewerb, an der Streitkultur, wo man sich gegenseitig antreibt. Ich bin wertegetrieben und überzeugt, dass die Gesellschaft funktioniert, wenn man den Menschen die Möglichkeit zur eigenen Entfaltung belässt. Ich bin ein bekennender Fan der Eidgenossenschaft. Nennen Sie mir ein Land, das in der Meinungsbildung besser funktioniert als die Schweiz!
Nennen Sie uns drei Schwerpunkte, womit Sie sich im Nationalrat einbringen würden!
- Ich beschränke mich hier aufs Anreissen neuer Themen Erstens: Bern ist Sitz dreier Regierungen sowie von zahlreichen Staatsunternehmen. Das immense Wissen über den Staatsdienst zirkuliert aber wenig. Mitarbeitende wechseln kaum vom Bund zur Stadt, vom Kanton in ein Bundesunternehmen. Schaffen wir doch Passerellen für Berufseinsteiger: Jugendliche durchlaufen einen Stage von viermal sechs Monaten bei der Stadt, beim Kanton, beim Bund und in einem Staatsunternehmen. So findet Austausch statt und die Jungen sammeln wertvolle Erfahrungen, die sie für unser Land einsetzen können!
Zweiter Schwerpunkt: Manchmal habe ich das Gefühl, in der Schweiz eine fünfte Landessprache zu haben: das Englisch. Wir sollten unsere Landessprachen mehr pflegen und damit den Zusammenhalt stärken. In Tat und Wahrheit leben wir mehr neben- als miteinander!
Drittens: Europa ist es nach dem Zweiten Weltkrieg gelungen, die soziale Marktwirtschaft zu etablieren. Nun soll die Schaffung der ökologischen Marktwirtschaft folgen: Energiewende, Lenkungsabgabe auf CO2, Kreislaufwirtschaft und Technologiesprünge als ein gemeinsames Konzept. Vieles geht über den Fortschritt: Niemand in Europa will kalt duschen!
Sie verwenden gerne eine bildhafte Sprache, Schalk und Humor. Sind Sie immer so?
- Mein Motto ist die «lockere Ernsthaftigkeit». Mit Lachen geht es einfacher. Bei harzigen Budgetdebatten im Stadtrat pflegte ich bewusst doppeldeutig zu sagen: «Ein gutes Budget erreicht man nicht mit links». Oder nach zweifelhaften Beschlüssen: «Ich ärgere mich rot und grün.»
Im Gemeinderat der Stadt Bern waren Sie Pionier bei Sanierungen und Ihr Nachfolger hat sich hier eingereiht.
- Als Erster habe ich ernsthaft die Sanierung von Gebäuden vorangetrieben, um unnötigen Energieverschleiss zu vermeiden, die erste Solarstrategie für städtische Gebäude haben wir eingebracht und unsere Direktion hat Erdölheizungen aus dem Immobilienpark verbannt.
Wie ist Ihre Haltung zum Klimawandel?
- Wir sind richtig unterwegs. In meinem Geburtsjahr 1970 ging es dem Wasser, dem Boden und der Luft am schlechtesten, am besten heute und morgen wird es noch besser sein! Diese Verbesserungen basieren auf einer Vielzahl von Entscheidungen, wie beispielsweise das Investieren in die Neat, damit man den Verkehr auf die Schiene bringt. Ich bin dem Steuerzahler dankbar, diese Milliarden erwirtschaftet zu haben.
Der gleichzeitige Ausstieg aus der Atomenergie und dem Erdöl ist eine gigantische Aufgabe. Die Umsetzung darf nicht zulasten des Wirtschaftswachstums, der Renten, der Bildung usw. geschehen. Bei den derzeitigen Klimademonstrationen stört mich die Aussage "Ihr sollt Panik haben!". Panik verhindert doch das Nachdenken. Konkrete Vorschläge wären besser. Angst ist ein schlechter Ratgeber.
Sehen Sie sich im Nationalrat als Vertreter der Bundeshauptstadt?
- Ja. Es bereitet mir Sorgen, wenn der Bund nicht mehr bereit ist, die Kulturmillion für die Stadt Bern zu bezahlen oder wie er sich vom Alpinen Museum zurückziehen wollte. Die Distanz zwischen Bundesbern, Stadt und Kanton ist leider gross. Zwischen Bahnhof und Bundeshaus, wo sich täglich unzählige Entscheidträger und Gäste aufhalten, könnte man beispielsweise die Strassen und Plätze zwei-, drei- oder sogar viersprachig anschreiben, sozusagen als Bekenntnis zur Hauptstadt. Bern war vor hundert Jahren die Nummer eins in der Schweiz; mächtiger, stärker, lebendiger als Zürich. Hundert Jahre später sollten wir uns an die damalige Dynamik erinnern, damit der Abstand nicht grösser wird. Es braucht mehr Mut und Kreativität; vieles wird zerredet.
Neulinge im Nationalrat halten sich im ersten Jahr meist zurück mit Voten, um den Parlamentsbetrieb erst kennen zu lernen. Wie wäre es bei Ihnen?
- Als ehemaliger Sekretär der Wirtschaftskommissionen und persönlicher Mitarbeiter der Bundesräte Villiger und Merz sowie als Direktor einer Bundesanstalt kenne ich die Verfahren und Abläufe sehr gut, so dass ich vom ersten Tag an einsatzfähig wäre. In der ersten Session würde ich mich noch vornehm zurückhalten, aber bereits in der zweiten dürfte man etwas von mir erwarten!
Peter Widmer
AUF DEN ZAHN GEFÜHLT
Wir haben Alexandre Schmidt mit einigen Slogans aus dem FDP-Parteiprogramm konfrontiert. Die Antworten kamen überlegt und in der gewünschten Kürze:
Wir wollen...
...Arbeiten im Tourismus attraktiver machen.
Die moderne Schweiz ist mit dem Tourismus gross geworden; selbstverständlich, weil sie so schön ist!
...mehr Spielraum für Homeoffice.
Wer wann und wo arbeitet, ist egal, wichtiger ist die Leistung.
...den Verkehrsfluss verbessern.
Die Mobilität ist ein Grundbedürfnis des Menschen, das der Staat zulassen muss und nicht beschränken darf.
...ermöglichen, nicht verhindern.
Anreize sind 1000mal besser als Zwänge!
PERSÖNLICH
Alexandre Schmidt (49), wohnhaft in Bern, verheiratet, zwei Söhne (2001 und 2006). 1995 – 2002 Sekretär und wissenschaftlicher Mitarbeiter in den Parlamentsdiensten; 2002 – 2008 persönlicher Mitarbeiter von zwei Bundesräten; 2008 – 2012 Direktor der Eidg. Alkoholverwaltung; 1992 – 2002 Mitglied der Legislative von Binningen BL; 2010 – 2012 Mitglied des Berner Stadtparlaments (Stadtrat); 2013 – 2016 Mitglied der Berner Stadtregierung (Finanzdirektor); seit 2017 Vice-President Owner Relations RUAG. Seit 2018 Präsident von BERNbilingue

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